
Neulußheimer Traditionsgaststätte „Neue Welt“ schließt/ Sozialdemokraten verabschieden sich von ihrem „Wohnzimmer“
Viel gelacht wurde an diesem schwül-heißen Nachmittag in der „Neuen Welt“. Wahrscheinlich lag dies an der spürbaren Mischung aus Nostalgie und Herzweh, der die Genossinnen und Genossen beim letzten dortigen „Seniorennachmittag“ mit Humor und Heiterkeit trotzen. Auch wenn diesmal über vierzig Sozialdemokraten aller Generationen beisammen saßen – dabei auch Landtagsabgeordnete Rosa Grünstein und Bürgermeister Gerhard Greiner, so schmerzte dieser Abschied die höheren Altersklassen unter ihnen am meisten. Jörg Wildenstein, Vorsitzender der SPD Neulußheim, bemerkte daher bei seiner Begrüßung treffend, dass nur wenige Gastwirtschaften im Ort auch nachmittags geöffnet haben, was dies für die Senioren ein echtes Problem sei.
Bei Erdbeer-, Rahm- und Käsekuchen standen an diesem Nachmittag jedoch die „Neue Welt“ und dessen langjährige Wirte Gabi und Manfred Goos stets im Mittelpunkt der zahlreichen Anekdoten und Glückwünsche. Jörg Wildenstein servierte bei seinem knappen Rückblick gleich zu Beginn der Veranstaltung ein „Schmankerl“ mit dem die Traditionsgaststätte es sogar zu überregionalem Zeitungsruhm brachte. So flog seinerzeit just bei dem Vorbeimarsch einiger Nazis eine Flasche aus dem Fenster direkt auf den Hinterkopf eines der Uniformierten. Der Stolz der renitenten Neulußheimer über diesen Vorfall war selbst an diesem Nachmittag noch zu spüren und die „Neue Welt“ wirkte stets wie ein Sinnbild für diesen Geist. Dieser Tenor prägte somit auch die Dankesworte des SPD-Vorsitzenden an Gabi Goos, die er im Namen des Ortsvereins mit einem Geschenkgutschein bedachte.
Auch für die Wirtin selbst war es ein sehr trauriger Abschied. In ihrer Ansprache betonte sie, den Entschluss, die Gaststätte zu schließen, nur schweren Herzens getroffen zu haben und bedankte sich ihrerseits für die Treue der anwesenden Gäste. Gabi Goos leitete die 1925 von Gottlieb Villhauer eröffnete „Neue Welt“ seit 1990. Dazwischen wurde das Gasthaus ab 1948 von ihren Eltern Herbert und Luise Villhauer bewirtschaftet und kann durchaus auch auf eine äußerst abwechslungsreiche Verwendung zurückblicken.
Natürlich durfte an diesem letzten „Seniorennachmittag“ neben gemeinschaftlichem Gesang - „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ sowie „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“ - auch „Mundartliches“ nicht fehlen. Besonders nachdenklich stimmte der Beitrag von Alt-Gemeinderat Günter Langlotz, der leider persönlich nicht anwesend sein konnte und somit Heidi Ross, SPD-Fraktionschefin im Neulußheimer Gemeinderat, seinen Beitrag authentisch vortragen ließ. Von den Stammtischveteranen und Skatspielern erzählte sie, ebenso wie von den zahlreichen Wirtshäusern, die es früher im Ort gab: Zum Bären, die Reichskrone, der Adler, der Ochse, die Eintracht… „Her, hoschs schunn ghört, die Nei Welt mescht zu. Ha do sterbt schunn widder ä Stick Neilosse“.
Jan Kritzer

